Harald Werner - Alles was links ist
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Was ist eigentlich Dialektik?

Anders als viele meinen, ist Dialektik keine Strategie, anderen das Wort im Munde umzudrehen. Auch wenn sich das Wort bei den alten Griechen auf eine bestimmte Art der  Gesprächsführung bezieht, ist die Dialektik in der Aufklärung zu einer wissenschaftlichen Methode geworden, die vor allem von den Philosophen Spinoza und Hegel weiterentwickelt wurde. Der Hegel-Schüler Marx hat in ihr schließlich eine überall in der Materie wie in der Gesellschaft anzutreffende Bewegungsform gesehen. Deshalb spricht man auch von materialistischer Dialektik. Es geht überall dort dialektisch zu, wo eine Sache - wie Marx sagt – „mit ihrem Gegenteil schwanger geht“. Zum Beispiel das Alte mit dem Neuen, die Krise mit dem Aufschwung oder eben der Kapitalismus mit dem Sozialismus. Das Wichtigste daran ist, dass uns diese inneren Widersprüche der Dinge oder Prozesse zwingen, niemals nur das Bestehende, sondern das sich Verändernde und Bewegende zu betrachten.

Wobei Bewegung und Veränderung nicht willkürlich sind. In einem solchen Widerspruchsverhältnis gibt es immer eine vorwärts treibende und eine in der Tendenz an Kraft verlierende Seite. Der Kampf kann abwechselnd in die eine und dann wieder in die andere Richtung gehen, aber letztlich setzt sich jene Seite durch, die mit den Anforderungen der Zukunft übereinstimmt. Zum Beispiel haben sich in der biologischen Evolution immer die Arten durchgesetzt, die die Anlage zur Anpassung an veränderte Umweltbedingungen hatten. Diese Arten konnten den Widerspruch zwischen ihrer bisherigen Lebensweise und der sich verändernden Umwelt durch Selbstveränderung aufheben.

Gleiches gilt natürlich auch für die gesellschaftliche Entwicklung. Gesellschaftliche Utopien haben nur dann eine Aussicht auf Verwirklichung, wenn sie einen die Existenz der Gesellschaft bedrohenden Widerspruch aufheben können. Zum Beispiel konnte sich der Kapitalismus nur deshalb durchsetzen, weil er produktiver als die Feudalgesellschaft war, mehr Lebensmittel produzierte und den wirtschaftlichen Austausch beschleunigte. Dementsprechend wird auch der Kapitalismus nur zu überwinden sein, wenn ihm ein gesellschaftliche Alternative entgegengesetzt wird, die seine gefährlichsten Widersprüche aufhebt und das Überleben der Menschheit sichert. Was übrigens nicht gesetzmäßig zu erwarten ist, denn so wie unzählige Arten an ihren Widersprüchen zugrunde gegangen sind, weil sie keine neue Daseinsform entwickeln konnten, sind auch viele menschliche Gesellschaften an ihren ungelösten Widersprüchen gescheitert und untergegangen.

So gesehen könnte man Dialektik als eine Art Entwicklungsgesetz betrachten, aber sie ist viel mehr. Auch das menschliche Denken unterliegt den Gesetzen der Dialektik. Zum Beispiel hast Du eine bestimmte Vorstellung von Deiner Welt, aber die Welt selbst ist natürlich sehr viel komplizierter, als Du sie Dir vorstellst. Es besteht also ein Widerspruch zwischen Deinem Weltbild und der tatsächlichen Welt, obwohl beides offensichtlich zusammenhängt. Wenn Dir dieser Widerspruch unerträglich ist, wirst Du ihn „aufheben“ wollen und Dein Wissen über die Welt erweitern. Und schon setzt sich der dialektische Prozess zwischen Deinem Kopf und der realen Welt in Bewegung. Aus diesem einfachen Beispiel lassen sich zwei wichtige Schlüsse ziehen: Erstens muss ein Widerspruch wirklich entscheidend sein und auch Bewegung auslösen. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn Dir dieser Widerspruch keine Ruhe lässt und Dich in eine Bibliothek oder entsprechende Internetseite treibt. Und zweitens kannst Du diesen Prozess auch bei anderen Menschen auslösen, wenn Die sie auf Widersprüche in ihrem Weltbild hinweist und Zweifel weckst. Und das wäre dann ein Beispiel für eine dialektische Gesprächsführung. Nicht weil Du jemandem das Wort im Munde umdrehst, sondern sein Denken in eine andere Richtung drehst.